29. Oktober 2021

„Weg aus der Opferrolle“

Pater Anselm Grün zu Gast beim Roten Kreuz

Über „Wege aus der Opferrolle“ sprach Pater Anselm Grün auf Einladung der Roten Kreuzes. (Foto: Michel Lang / DRK Odenwaldkreis)

Es ist wohl die Mischung aus christlichen Überzeugungen, philosophischen Erkenntnissen und psychologischen Handreichungen, die sein Publikum oftmals in praktische Nutzanwendungen verwandeln kann. Deshalb ist der Benediktinerpater Anselm Grün, der über 300 Bücher zu lebensberatenden sowie spirituellen Themen verfasst hat, gern gesehener Gast bei vielen Institutionen. Nun hatte der ausgebuchte Terminkalender eine kleine Lücke aufgezeigt, die der Kreisverband des Roten Kreuzes am Donnerstag, dem 28. Oktober, besetzen konnte. 

Unter der Organisation von Friedel Weyrauch, Bundessprecherin der Selbsthilfegruppen im DRK, war der bekannte Pater in die Werner-Borchers-Halle gekommen und hat über „Wege aus der Opferrolle“ gesprochen. Dabei zeigte der Referent anhand mehrerer Beispiele aus seiner Beratungspraxis auf, wie seelisch verletzte Menschen gesunden und unter Umständen auch an den negativen Erlebnissen wachsen können. Ein ewiges Verharren in der Opferrolle mit all ihrem Leidensdruck könne zu seelischen Problemen führen und lasse den Menschen nicht mehr los. 

„Es geht darum, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, und die Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen“, sagte Anselm Grün. Oft wälze man diese auf andere ab und schaue nicht auf sich selbst. Dabei nannte der Pater aus der Abtei Münsterschwarzach stellvertretend den angeblich schuldigen Hersteller von Süßwaren oder die falsch informierende Ernährungsberaterin, wenn man über zu viele Kilos verfüge. Aber auch aktuelle Anlässe gehörten zum recht umfangreichen Kanon des Geistlichen an diesem Abend. So erwähnte er die Wahrnehmung der vielfältigen Impfangebote, wenn man Angst vor einer Infektion mit Corona habe.   

Das Abwälzen der Verantwortung auf andere sei nie zielführend. „Irgendwann muss ich die Verantwortung für mein Leben übernehmen“, zitierte der Pater den Psychoanalytiker Carl Gustav Jung. Dabei müsse man aber die erlittenen Verletzungen zulassen und diese in mehreren Schritten durchleben, bevor eine Heilung eintreten könne. Dazu gehöre das Verstehen und später das reflektierte Reagieren auf erlittene Kränkungen. Wer stets in seiner Opferrolle ausharre, neige mitunter zu Aggressionen und wiederhole oftmals das Erlebte, übertrage seine Verletzungen auf andere. Werde man sich der Vorgänge aber bewusst, habe man immer einen Handlungsspielraum, in dem man agieren könne. 

Pater Anselm Grün (2. v. r.) war zu Gast beim DRK-Kreisverband Odenwaldkreis, hier mit Vorstand Frank Sauer und Präsident Georg Kaciala (v.l.n.r.) sowie Friedel Weyrauch, Bundesprecherin der DRK-Selbsthilfegruppen. (Foto: Michel Lang / DRK Odenwaldkreis)

„Man muss denjenigen, der einem wehgetan hat ja nicht unbedingt umarmen, doch ist stets das Vergeben möglich“, konstatierte der Referent. Vergebung verglich er mit einem Weggeben der Anwürfe, wodurch man sich befreie und losgelöst von inneren Drücken leben könne. Einen Teil des Vortrags widmete Pater Anselm der emotionalen Erpressung und führte das Handeln einer alten Mutter an, die immer dann krank werde, wenn der überlastete Sohn in Urlaub fahren wolle. Hier sieht der Geistliche mit dem Verständnis für weltliche Dinge eine typische Täter-Opfer-Situation. Zwar könne man sein Leben nicht kontrollieren, aber es sei hilfreich, wenn man sich mit dessen Brüchigkeit aussöhne und diese akzeptiere, ohne dass man anderen oder sich selbst stets die Schuld zuweise. Dies treffe besonders bei Krankheiten zu.   

So wurde der Abend mit Pater Anselm Grün und seinen Erkenntnissen sowie Ratschlägen für ein zufriedeneres Leben von den Gästen positiv bewertet, da es viele Denkanstöße und für manche auch praktische Nutzanwendungen gegeben hatte. Zum Abschied erhielt Grün vom DRK-Präsidenten Georg Kaciala eine Tasche mit Produkten der regionalen Molkerei und Erzeugnissen einer lokalen Konditorei. Viele Besucher ließen sich ihre am Büchertisch erworbenen Werke von Anselm Grün signieren. Die Veranstaltung wurde bei freiem Eintritt durch die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) gefördert und nach der 2G-Regel durchgeführt. Deshalb konnten aufgrund der aktuell hohen Inzidenzen im Odenwaldkreis nur 110 Personen auf Abstand und mit Maske an dem Vortrag teilnehmen.